Abbrüche in Zeiten von Corona

Pro Choice Aktivist*innen weisen schon seit Jahren auf die Probleme hin, die die derzeitige Rechtslage in Bezug auf Schwangerschaftsabbruch bringt. In dieser Krise werden die Probleme nun offenbar und kosten im schlimmsten Fall Menschenleben.

Aber von Beginn an. Ärztinnen, Beraterinnen und Fachverbände schlugen Ende März Alarm und wandten sich mit einem drängenden Appell an Politik und Klinikbetreiber*innen (Quelle: Doctors for Choice). Zahlreiche Publikationen veröffentlichten in der Folge Artikel und Beiträge zum Thema die wir hier verlinken und die wichtigsten Punkte kurz zusammenfassen.

Die Pain Points im Überblick 

1. Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland eine Straftat

Nach §218 StGB ist der Abbruch einer Schwangerschaft in Deutschland noch immer eine Straftat. Wenn die ungewollt schwangere Person keine Strafe zahlen oder gar ins Gefängnis kommen möchte, muss sie zunächst in eine staatlich anerkannte Beratungsstelle, um sich dort einer Zwangsberatung zu unterziehen. Nach einer zusätzlichen dreitägigen Wartefrist kann der Abbruch durchgeführt werden. All das muss vor der 12. Schwangerschaftswoche passieren, danach ist eine Abtreibung in Deutschland nur in Ausnahmesituationen möglich.

2. Ausgangssperren erschweren die Wahrung der Fristen

Bevor der Abbruch durchgeführt werden kann, muss die ungewollt schwangere Person mehrere Termine – physisch – wahrnehmen. In der Zeit von Ausgangsbeschränkungen und eingeschränkter Mobilität gestaltet sich das schwierig. Zusätzlich kommt nun noch das größere Risiko sich mit dem Coronavirus anzustecken.

In Bayern ist diese Beratung in der Regel zwingend physisch (Quelle: Portal „Schwanger in Bayern„).

3. Kosten

Eine Abtreibung kostet je nach Eingriff zwischen 300 und 600€. Das ist für viele schon heute eine Menge Geld, in Zeiten von Kurzarbeit oder Jobverlust als direkte Folge der Corona-Krise noch eher. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten sofern die ungewollt Schwangere unter 1216€ netto verdient. Der Prozess der Antragstellung ist bis auf wenige Ausnahmen jedoch viel zu kompliziert und zeitraubend.

—> Mehr dazu unter „Aktuelles zur Kostenübernahme durch die Krankenkassen“

4. Eingeschränkte Reisefreiheit

Kontrollen bei der Einreise bis hin zu Grenzschließungen sind Hürden, die Menschen einschränken und ggf. verhindern, dass sie für einen Schwangerschaftsabbruch nach Österreich, in die Niederlande oder eben auch nach Deutschland fahren. Für viele Frauen war das bisher die einzige oder eine einfachere Lösung, eine Abtreibung durchzuführen.

5. Geringes Angebot

Bereits vor Corona war die Versorgungslage besonders in ländlichen und christlichen Regionen schlecht. Ungewollt Schwangere mussten teils weite Wege in Kauf nehmen, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen. Jetzt ist die Situation erst recht angespannt. Betten werden für die Behandlung von Covid-19-Patient*innen gebraucht und Ärzt*innen, die zuvor bspw. Privatkliniken nutzten, um Abbrüche durchzuführen können vorerst keine Patient*innen annehmen.

In Niederbayern hat der letzte Arzt, der Abbrüche durchführte, seine Karriere aus Sorge um sich und seine Patient*innen bereits vorzeitig beendet. Zusätzlich dazu besteht das Risiko, dass Berater*innen oder Ärzt*innen krank werden und ihre Klinik/ Beratungsstelle schließen müssen – für manche hätte das verheerende Folgen.

6. Schwangerschaftsabbruch – das große Tabu

Während die Gesellschaft von Solidarität redet, werden Menschen, die offen über ihre Abbrüche sprechen, stigmatisiert. Das ist in Zeiten von Schul- und Kitaschließungen bzw. Ausgangsbeschränkungen besonders problematisch. Betroffene müssen nun in vielen Fällen ihr Umfeld mit einbeziehen, da sich jemand um die Kinder kümmern muss bzw. man nicht mehr einfach mit Ausrede (treffe mich mit einer Freund*in oder gehe shoppen diesdas) das Haus verlassen kann.

Unsere Freund*innen von Pro Choice Sachsen versuchen mit diesem Tabu zu brechen und rufen dazu auf, Abtreibungsgeschichten einzusenden.

—> Mehr dazu unter „Aktiv werden“

Artikel zum Thema

  • „Hunderte Kilometer zur Abtreibung“ – in Neues Deutschland wird auf den erschwerten Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in Zeiten von Corona eingegangen.
  • Für die Tageszeitung taz haben Dinah Riese und Patricia Hecht den aktuellen Stand recherchiert und attestieren einen „eingeschränkten Zugang“ zu Schwangerschaftsabbrüchen.
  • Corona killt den Datenschutz“ – die Tageszeitung taz weist auf fehlenden Datenschutz bei den Schwangerschaftskonfliktberatungen hin.
  • Regine Wlassitschau von pro familia sagt im Interview mit Neues Deutschland, dass Corona die ohnehin schlechte Versorgungslage bei Schwangerschaftsabbrüchen verschärft. 
    Blutungen bis zum Tod“ – die taz greift zusammen mit BuzzFeed die Situation zusammen.
  • Für die Jungle World schreibt Kirsten Achtelik über Schwangerschaftsabbrüche in „virigen Zeiten„.
  • Zeit-Artikel zum Thema Schwangerschaftskonfliktberatung via Telefon bzw. online.
  • Mit Corona zurück in die 1950er Jahre“. Auf falter.at beschreibt Barbara Tóth die Situation aus österreichischer und feministischer Perspektive.
  • Radio Corax sprach mit Alicia Baier von Doctors for Choice über notwendige Maßnahmen wie eine Aussetzung der Beratungspflicht.
  • Für die Junge Welt spricht Gitta Düperthal mit Christiane von Rauch über das Thema Schwangerschaftsabbruch während eine Pandemie.
  • Auf zett schreibt Nina Monecke über die Herausforderungen ungewollt schwangerer Menschen in Zeiten von Corona.
  • Für jetzt.de spricht Berit Dießelkämper mit Alicia Baier von Doctors for Choice.
  • Auf wienerin.at beschreibt Eja Kapeller die Situation in Österreich und warnt vor Situationen wie 1975.