Zehn Narrative der Fundis…

… und feministische Antworten darauf.

Antifeminismus hat viele Facetten. Vertreter*innen der reaktionären und auf Ungleichheit basierenden Ideologie sind auf der Straße, in den Parlamenten und im Netz aktiv. Ihre antifeministischen Positionen verpacken Konservative, (extrem) Rechte und christliche Fundamentalist*innen oft so, dass sie auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar sind.

Im Zuge unserer Aktionstage 2020 haben wir die zehn wichtigsten Narrative der so genannten „Lebensschützer*innen“ zusammengestellt und sie für Euch eingeordnet.

Heilige und Mutter

Frauen werden vor allem bei „40 Tage für das Leben“ als Heilige und Mutter dargestellt. Damit wird ein einseitiges Geschlechterbild reproduziert, das auf Ungleichheit basiert. Rechte Frauenbilder, die auf Misogynie und stark patriarchalen, traditionellen Geschlechterrollen basieren, festigen ein Gesellschaftsbild, das auf Ungleichheit gründet. Die Überwindung von klassischen und damit regressiven Rollenbildern ist aber dringend nötig für die Gleichberechtigung aller Menschen und eine emanzipierte Gesellschaft.

Zwei Opfer: Kind und Mutter

Radikale Abtreibungsgegner*innen behaupten, dass ein Schwangerschaftsabbruch immer zwei Opfer habe: „Kind und Mutter“. Erstens handelt es sich bei einem Fötus nicht um ein „Kind“. Zweitens zeigen Studien, dass die meisten Menschen die abgetrieben haben mit dieser Entscheidung vollkommen im Reinen sind. ​​​​​​​Dieser Erzählung, dass „eine Abtreibung immer zwei Opfer habe“ liegt das „Post Abortion Syndrom“ (PAS) zugrunde, dem sich „Lebensschützer*innen“ gerne bedienen, um das Bild des „Opfer-Seins“ der Person die abgetrieben hat zu bekräftigen und sich so vermeintlich auf die Seite der Frauen zu stellen. Jenes PAS bezeichnet ein angebliches Syndrom, das sich durch eine vermehrte psychische Belastung (wie beispielsweise Schuldgefühle oder Depression) nach einem Schwangerschaftsabbruch auszeichnet. Allerdings wird das „Post Abortion Syndrom“ von keiner medizinischen oder psychiatrischen Vereinigung anerkannt.

Im Gegenteil: es gibt keine einzige Studie die belegt, dass Menschen die abgetrieben haben eine höhere psychische Belastung aufweisen als andere. Was jedoch belastet, sind die äußeren Umstände, wie eine Studie der University of California oder zahlreiche Abtreibungsgeschichten eines Projekts von Pro Choice Sachsen zeigen.

Für das Leben

Radikale Abtreibungsgegner*innen behaupten von sich „für das Leben“ zu sein und bezeichnen sich als „Pro Life“, „Lebensschützer“ oder „Lebensrechtler“. Abtreibungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Die einzige Frage ist, ob sie sicher oder unsicher durchgeführt werden. Nach Zahlen der WHO und des Guttmacher Instituts sterben jährlich mindestens 22.800 Menschen in Folge eines Schwangerschaftsabbruchs, sieben Millionen erleiden schwerwiegende gesundheitliche Folgen. Dieses unsägliche Narrativ haben wir ausführlich im Artikel „Wenn die Masken fallen“ behandelt.

Abtreibungsbefürworter und Abtreibungslobby

Pro Choice Aktivist*innen bzw. Ärzt*innen, die Abbrüche durchführen, wären „Abtreibungsbefürworter“ und Teil einer „Abtreibungslobby“, die ausschließlich ihre wirtschaftliche Existenz sichern möchten. Die Begriffe „Abtreibungsbefürworter“ und „Abtreibungslobby“ sind ideologische Kampfbegriffe der Abtreibungsgegner*innen. Das Narrativ „Abtreibungslobby“ ist verschwörungsideologisch angehaucht und soll suggerieren, dass Pro Choice Aktivist*innen und „der Feminismus“ einen machtvollen Einfluss auf die Politik und die Medien hätten oder wichtige Organisationen von ihnen unterwandert seien. Das Ziel dieser „Lobby“ sei – so das Narrativ – möglichst viele Abtreibungen zu erreichen, um Geld in die Kassen von Ärzt*innen zu spülen.

Dieser Quatsch kann getrost in die Welt der Mythen und Legenden eingeordnet werden. Vielmehr geht es Pro Choice Aktivist*innen darum, dass Menschen über ihren eigenen Körper bestimmen können und im Fall einer ungewollten Schwangerschaft Zugang zu legalen und sicheren Abtreibungen haben. Denn Abtreibungen hat es immer gegeben und wird es immer geben – die Frage ist also lediglich, wie sie durchgeführt werden. Von einer „Engelmacherin“ in einer schäbigen Hinterhof“klinik“ oder von ausgebildetem Personal in hygienischen Umgebungen.

Macht der Sprache und Bilder

Proppere Babygesichter, weinende Frauen oder Schockfotos… Abtreibungsgegner*innen nutzen in ihrem Kampf gegen sichere und legale Schwangerschaftsabbrüche die Macht der Sprache und Bilder.

Sprache und Bilder sind wesentliche Mittel im Kampf der „Lebensschützer*innen“ und sollen Emotionen hervorrufen. ​​​​​​​Darum reden sie stets vom „Kind“, „Baby“ oder „ungeborenen Leben“. Auf ihren Webseiten, Flyern, Postern und Werbemitteln findet man proppere und strahlende Babys, traurige Frauengesichter oder hochschwangere Menschen. Sie versuchen damit an Wertvorstellungen anzuknüpfen, die gesamtgesellschaftlich bezüglich Abtreibung, Mutterschaft und Schwangerschaft vorherrschen.

Schwangerschaftsabbruch ist ein Graubereich und viele Menschen haben keine klare Haltung zum Thema, das macht es für „Lebensschützer*innen“ einfacher zu intervenieren. Mit ihren Bildern und Aussagen sprechen Abtreibungsgegner*innen den Mainstream und die bürgerliche Mitte an und können dort ihre Positionen festigen. Darüber hinaus versuchen sie mit diesen Werkzeugen ungewollt schwangere Menschen in Rechtfertigungsdruck zu bringen. Von der Person, die sich für eine Abtreibung entscheidet, wird das Bilder der Täter*in gezeichnet, um so zu stigmatisieren und Druck aufzubauen.

Abtreibung ist Mord

Radikale Abtreibungsgegner*innen werfen ungewollt schwangeren Menschen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, Mord oder Tötung vor.

Da für Lebensschützer*innen das Leben bereits mit der Verschmelzung von Eizelle und Spermium entsteht, handelt es sich aus ihrer Perspektive bei einer Abtreibung um „Mord“ oder „Tötung“ eines „Kindes“. Mit ihrer drastischen Wortwahl wollen Abtreibungsgegner*innen die Debatte emotionalisieren, um so ihre Ziele zu erreichen.

Juristisch ist das im Übrigen Unsinn, da die Tatbestände Mord oder Totschlag erst auf geborene Menschen angewandt werden können. Für Schwangerschaftsabbruch gibt es einen eigenen Strafrechtsparagrafen – den §218.

Ein Kinderlachen besiegt jede Krise

Kristijan Aufiero, der Vorsitzende von Pro Femina, schreibt auf der Webseite seines Vereins: „Schließlich wird es auch eine Zeit nach Corona geben. Und in diese Zeit hinein reichen die Entscheidungen, die Schwangere in Not heute treffen. Die Perspektive, in einem Jahr mit Kinderlachen und ohne Corona-Angst leben zu können ist eine Perspektive, die jede verzweifelte Schwangere von heute verdient hat.“ 

Dass sich eine ungewollt schwangere Person bewusst und mit gutem Gewissen gegen eine Schwangerschaft entscheidet, blenden selbst ernannte „Lebensschützer*innen“ aus. Für sie ist diese Option nicht denkbar, was womöglich an ihren fixen Geschlechterrollen oder ihrem Glauben an das so genannte „Post-Abortion-Syndrom“ (PAS) liegt.

Jedoch zeigte erst kürzlich eine Studie der University of California, dass Menschen die abgetrieben haben fünf Jahre nach dem Schwangerschaftsabbruch zu über 95 Prozent mit ihrer Entscheidung zufrieden sind. Auch auf dem Blog Abtreibungsgeschichten unserer Freund*innen von Pro Choice Sachsen findet Ihr zahlreiche Geschichten, die zeigen, dass es für viele eine bewusste und richtige Entscheidung war, eine Schwangerschaft zu beenden.

Abtreibung trifft immer die Schwächsten

Immer wieder thematisieren radikale Abtreibungsgegner*innen Menschen mit Behinderung, um so gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch zu agitieren. Dabei sprechen sie davon, dass die „Schwächsten unserer Gesellschaft“ geschützt werden müssten. Einige nutzen in diesem Kontext den Begriff „Euthanasie“ und relativieren so die Verbrechen der Nationalsozialisten.

Mit „den Schwächsten“ meinen „Lebensschützer*innen“ Föten, bei denen im Zuge einer Pränataldiagnostik (PND) eine positive Diagnose gestellt wurde. Eine positive Diagnose bedeutet, dass der Fötus womöglich mit einer Behinderung auf die Welt kommt. „Womöglich“, da PND keine eindeutige Diagnose, sondern lediglich eine Wahrscheinlichkeit für eine Behinderung liefern kann. Die selbst ernannten „Lebensschützer*innen“ setzen seit einiger Zeit gezielt auf diesen Themenkomplex und instrumentalisieren Menschen mit Behinderung so für ihre Zwecke. Menschen pauschal als „schwach“ zu bezeichnen ist manipulativ und dient ausschließlich ihrer Agenda.

Mehr über Selbstbestimmung in einer patriarchalen, kapitalistischen, behinderten- und kinderfeindlichen Gesellschaft findet Ihr hier. Ausführlich wird das Thema in den Büchern „Kulturkampf und Gewissen“ von Eike Sanders, Kirsten Achtelik und Ulli Jentsch (erschienen im Verbrecher Verlag 2018) und in Kirsten Achteliks Buch „Selbstbestimmte Norm“ (erschienen im Verbrecher Verlag 2015) behandelt.

Feminist*innen haben zu xy keine Haltung

Immer wieder fordern „Lebensschützer*innen“ Pro Choice Aktivist*innen und Feminist*innen dazu auf, sich zu tagesaktuellen Entwicklungen oder auch komplexen Themen zu positionieren und Stellung zu beziehen.

Zunächst ein nonchalantes Fuck You! Wir investieren viele Stunden unserer freien Zeit und machen kostenlose Bildungsarbeit – wir müssen zu gar nichts Stellung beziehen, wenn wir keine Lust dazu haben.

Zudem kann es aus emanzipatorischer Perspektive zu komplexen oder tagesaktuellen Themen selten einfache Antworten geben. Selbst ernannte „Lebensschützer*innen“ liefern diese „einfachen“ Antworten und können daher auch ein breiteres Themenfeld abdecken. Dabei blenden sie die Aspekte, die sie nicht mitdenken möchten einfach aus.

Not Your Body

Auf den feministischen Slogan „My Body My Choice“ (mein Körper, meine Entscheidung) antworten radikale Abtreibungsgegner*innen mit der Aussage es sei „not your body“ (nicht dein Körper).

Wie bei vielen anderen Narrativen schwingt hier mit, dass wir es ab der Verschmelzung von Eizelle und Spermium um eine eigenständige Person zu tun hätten. Für „Lebensschützer*innen“ ist es dabei egal ob der Fötus außerhalb des Körpers der Schwangeren lebensfähig ist oder nicht. Ist eine Person schwanger, ist ihr Recht auf Selbstbestimmung zweitrangig. Was zählt ist ausschließlich der Fötus und die Folge davon wäre der Zwang eine Schwangerschaft auszutragen.