Küche, Ehe, Vaterland – Unsere Antwort*

*Eine feministische Analyse der AfD zu den Kommunalwahlen 2026 in Bayern 

Am 8. März 2026 wird in Bayern gewählt – und zwar dort, wo Politik ganz konkret wird. Bei den Kommunalwahlen entscheiden wir darüber, wer in unseren Städten und Gemeinden politische Rahmenbedingungen setzt und Mitgestaltung  ermöglicht oder verhindert: (Ober-)Bürgermeister*innen, Kreis- und Gemeinderät*innen, Landrät*innen und in München auch die Bezirksausschussmitglieder. Diese Ebenen stehen selten im Rampenlicht der großen politischen Debatten. Doch genau hier wird entschieden, wie KITAs ausgestattet sind, welche Beratungsstellen gefördert werden, wie mit Vielfalt umgegangen wird – und im Zweifel damit auch wessen Rechte geschützt oder infrage gestellt werden.

Kommunalpolitik prägt unseren Alltag nicht selten unmittelbarer als jede Bundestagsdebatte. Umso alarmierender ist es, dass autoritäre, antifeministische und extrem rechte Positionen zunehmend salonfähig werden – auch auf kommunaler Ebene. Die AfD spielt dabei eine zentrale Rolle. Ihr Antifeminismus ist kein Randthema, sondern reicht bisweilen weit in die Gesellschaft hinein und ist Ausdruck eines Weltbildes, das Gleichstellung, sexuelle Selbstbestimmung und queere Lebensrealitäten aktiv angreift. Welche Folgen das haben kann, zeigt sich nicht abstrakt, sondern ganz konkret vor Ort. Diese Broschüre nimmt deshalb den Antifeminismus der AfD auf kommunaler Ebene in den Blick – und erklärt, warum Zugewinne der AfD bei den Kommunalwahlen aus feministischer Perspektive eine Gefahr für Demokratie, Vielfalt und ein gutes Leben für alle darstellen würden.

Warum dieser Text?

Es gibt viele Auseinandersetzungen mit der AfD. Aus unserer Sicht ist der antifeministische Charakter der AfD, ihrer Mitglieder bzw. WählerInnen jedoch immer noch nicht ausreichend beleuchtet worden. Das wollen wir mit dieser Veröffentlichung nachholen, einen Diskussionsbeitrag leisten und all jenen eine Argumentationshilfe bieten, die gegen die AfD und für eine Welt kämpfen, in der wir ohne Angst verschieden sein können. Darum haben wir uns mit den Positionen der AfD Bayern bzw. München auseinandergesetzt, ihre Programme und Forderungen gelesen und diese mit einer feministischen Brille analysiert und eingeordnet. 

Darum auch ein Disclaimer: In diesem Text beschäftigen wir uns auch mit „Kulturkampf“-Themen, etwa der Debatte um gendergerechte Sprache. Wir finden: Diese Themen lenken häufig von den wirklich relevanten Fragen ab. Es ist wichtig, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, dabei aber nicht zu vergessen, dass wir echte Sicherheit vor sexualisierter Gewalt durch Männer einfordern müssen, eine ausreichende, nachhaltige und vor allem langfristige Finanzierung von emanzipatorischen Projekten oder Schutzräumen für FLINTA* ebenso brauchen, wie Geld für Bildung z. B. im Bereich der kritischen Jungen- bzw. stärkender Mädchenarbeit. 

Antifeminismus

Antifeminismus ist – analog zum Rechtsextremismus – eine Ideologie der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit und ein ganz wesentliches Brücken- und Schulterschlussthema verschiedener AkteurInnen aus der religiösen und extremen Rechten, von VerschwörungsideologInnen und Konservativen, transfeindlichen FrauenrechtlerInnen bis hin zur sogenannten „Mitte“ der Gesellschaft. 

Zu unterscheiden ist Antifeminismus von Misogynie und Sexismus. Laut dem Netzwerk feministische Perspektiven und Interventionen gegen die extreme Rechte (femPI) beschreibt Misogynie bzw. Frauenhass eine Abwertung von Frauen, einfach weil sie Frauen sind. Ebenfalls femPI folgend beschreiben wir Sexismus als „die Diskriminierung, Abwertung und Benachteiligung von Personen aufgrund ihres (zugeschriebenen) Geschlechts und/oder ihrer sexuellen Orientierung.“ Die drei Phänomenbereiche sind nicht direkt voneinander zu trennen. Eine sexistische oder gar misogyne Einstellung ist oftmals die Grundlage dafür, sich antifeministisch zu organisieren. AntifeministInnen agieren meist organisiert und richten sich gegen emanzipatorische Forderungen von Feminist*innen, um Heteronormativität, traditionelle Geschlechterrollen und das Patriarchat zu erhalten. (1) 

Antifeminismus ist eine antimoderne Ideologie und keineswegs nur ein letztes Aufbäumen „alter weißer Männer“ gegen den Verlust ihrer Privilegien (vgl. (2)). Da dieses Aufbäumen gegen Veränderungen nicht selten gewaltförmig passiert (Stichwort: Gewalt gegen Frauen bis hin zu Femiziden) verstehen wir Antifeminismus als eine sicherheitspolitische Frage. 

Konservative bis (extrem) rechte Parteien haben begriffen, dass sie mit antifeministischen Ideologien Wähler*innen bis in die Mitte hinein erreichen können. „Ein Viertel der Deutschen, mehr Männer als Frauen,  besitzen ein geschlossen antifeministisches Weltbild“ (3) – das ist Wähler*innenpotential, das Konservative bis extrem rechte Parteien abrufen, indem sie Sprechverbote erlassen oder Gelder für Projekte streichen, die sich für Frauenrechte und die Rechte der queeren Community einsetzen. 

Die Alternative für Deutschland – eine antifeministische Partei

Seit ihrer Gründung im Jahr 2013 weist die AfD antifeministische Tendenzen auf – was nicht verwunderlich ist, da die Ziele der Partei auf ihrer völkisch-nationalistischen Ideologie beruhen. Zugehörigkeit definiert die Partei über angeblich gemeinsame Abstammung und Kultur (Stichwort: „Christliches Abendland) und propagiert darum vehement die „traditionelle Familie“ in der die Frau Kinder auf die Welt bringen soll, um den Fortbestand des „Volkes“ sicherzustellen. Feminismus, Genderforschung oder Gleichstellungspolitik lehnt sie als „ideologische Umerziehung“ und Bedrohung dieser Ordnung ab. 

AfD, Männlichkeit und Antifeminismus

Die AfD präsentiert sich in Programm, Rhetorik und Personalstruktur als eine Partei, die stark männlich geprägt ist und Politik vor allem aus einer männlichen Perspektive betreibt. Antifeminismus fungiert dabei nicht nur als ideologisches Element, sondern auch als identitätspolitisches Angebot an Männer, die sich durch gesellschaftliche Liberalisierung, Gleichstellungspolitiken und veränderte Geschlechterverhältnisse verunsichert oder benachteiligt fühlen. In der Forschung wird dies häufig mit dem Konzept der relativen Deprivation beschrieben: Das subjektive Gefühl, an sozialem Status, Anerkennung oder Macht zu verlieren, wird politisch kanalisiert und gegen Feminismus, „Gender-Ideologie“ und Gleichstellung gewendet.

Die AfD greift diese Emotionen gezielt auf, indem sie traditionelle Männlichkeitsvorstellungen – etwa Autorität, Durchsetzungsfähigkeit und Hierarchie – als bedroht darstellt und in einen breiteren „Kulturkampf“ einbettet. Feminismus erscheint dabei nicht als emanzipatorisches Projekt zur Befreiung aus starren Geschlechterrollen, sondern als Angriff auf eine vermeintlich natürliche Ordnung von Geschlecht, Familie und Nation. Antifeminismus wirkt so als verbindendes Element zwischen völkischem Nationalismus, Demokratiekritik und autoritären Gesellschaftsbildern.

Die AfD – Partei der Männer

Diese Ausrichtung spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Der Frauenanteil unter den AfD-Mitgliedern liegt bei rund 20 % (4). In den Parlamenten ist er nochmals niedriger (Bundestag: 11,8 % (5); Bayerischer Landtag: 12,5 % (6)). Auch unter den Wähler*innen sind Männer deutlich überrepräsentiert – etwa zwei Drittel der AfD-Wählenden sind männlich (7). Die AfD kann damit als eine Partei beschrieben werden, die strukturell, personell und programmatisch Politik vor allem für Männer macht und dabei antifeministische Positionen gezielt mobilisiert.

Das Kommunalwahlprogramm der AfD Bayern und München

Wir haben uns den „Leitantrag der Landesprogrammkommission“ der AfD Bayern angeschaut, das Programm zur Kommunalwahl sowie die „Kernforderungen zur Kommunalwahl 2026 in München“ der AfD München durchgegangen. Wir haben uns jeweils auf jene Forderungen bzw. Positionen fokussiert, die aus unserer Sicht geschlechterpolitische Fragen berühren, ordnen diese ein und zeigen auf, was die Forderungen tatsächlich bedeuten würden. Dafür ziehen wir u.a. auch Anträge der AfD auf kommunaler Ebene in München hinzu.

Der Leitantrag besteht aus 41 Seiten und wurde von der Partei Ende Oktober 2025 verabschiedet. Inhaltlich führt die extrem rechte Partei zehn Themenbereiche auf: Wohnen, Sicherheit, (Re)Migration, effiziente und bürgernahe Verwaltung, Wirtschaft & Finanzen, Verkehr sowie Bau & Stadtentwicklung. Das menschenverachtende Konzept der „Remigration“, also der Plan, millionenfach Menschen mit Migrationsgeschichte abzuschieben bzw. ein soziales Klima zu schaffen, dass sie dazu bringen soll, Deutschland zu verlassen, taucht im Leitantrag nicht wörtlich auf, in den Kernforderungen der Münchner AfD jedoch schon. Rassistische Postionen sind jedoch auch im Leitantrag und dem Wahlprogramm durchgehend zu finden.

Positionen aus dem Leitantrag markieren wir im Folgenden als „Leitantrag“,  Punkte aus dem Flugblatt der AfD München als „Kernforderungen München“und aus ihrem Programm als „Wahlprogramm“. Klickt auf das ▶ , um die einzelnen Kapitel zu lesen.

KONTROLLE ÜBER GEBÄRFÄHIGE KÖRPER

Leitantrag S.34: „9.12 Umfassende Willkommenskultur für Kinder. Wir fordern eine umfassende Willkommenskultur für Kinder in Bayern. Hierzu zählt auch der Schutz des ungeborenen Lebens und die umfassende Unterstützung für ungewollt Schwangere. Wir wollen von den bayerischen Kommunen aus entsprechende Maßnahmen auf Bundes- und Landesebene unterstützen, aber auch einfordern. Öffentliche Einrichtungen, die Aufklärung in gesundheitlichen Fragen, Familienberatung oder Sexualaufklärung betreiben, haben allgemein den Willen zum Schutz des ungeborenen Lebens zu stärken und auf Unterstützungsangebote vor Ort aufmerksam zu machen. Ungewollt schwangere Frauen bedürfen in besonderem Maße der Hilfe und Fürsorge des Staates und der Gesellschaft. Die Kommunen berücksichtigen nach aller Möglichkeit die überragende Bedeutung des Schutzes des ungeborenen Lebens im Rahmen sämtlicher Beratungsangebote rund um das Thema Familie.“ 

Einordung

Die AfD benutzt hier den Begriff „Willkommenskultur“ bewusst provokant – als Umdeutung. Statt einer offenen Haltung gegenüber Geflüchteten geht es ihr um eine „Willkommenskultur für (ungeborene) Kinder“, also faktisch um eine Bevölkerungspolitik, die auf mehr „eigene“ Geburten zielt. Das schließt direkt an rassistische Narrative an: lieber mehr „biodeutsche“ Kinder als Zuwanderung.

Unter dem Deckmantel des „Schutzes des ungeborenen Lebens“ betreibt die AfD eine antifeministische Politik der Kontrolle über gebärfähige Körper. Was als Unterstützung für Schwangere formuliert ist, bedeutet in der Praxis: weniger Selbstbestimmung, weniger ergebnisoffene Beratung, weniger Zugang zu medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbrüchen.

Die Formulierung, Beratungsstellen sollten den „Willen zum Schutz des ungeborenen Lebens“ stärken, widerspricht der rechtlich verankerten ergebnisoffenen Beratungspflicht (§219 StGB, Schwangerschaftskonfliktgesetz). Damit stellt die AfD demokratische Grundprinzipien infrage – sie will ideologische Vorgaben an Stellen machen, die eigentlich zur freien Entscheidung befähigen sollen.

Das Ganze ist eingebettet in eine Ideologie, die Frauen in die Rolle der „Mütter der Nation“ drängt: Ihre gesellschaftliche Aufgabe soll Reproduktion und Fürsorge sein. Es geht also nicht um Hilfe, sondern um Kontrolle und Instrumentalisierung von Frauenkörpern als Gebärmaschinen.

Was das konkret bedeutet

Die AfD hält sich beim Thema Schwangerschaftsabbruch aktuell eher zurück. Offen ein Verbot zu fordern, würde ihnen angesichts der Stimmung in der Bevölkerung – die laut Studien mehrheitlich für eine liberalere Gesetzgebung ist – das Leben schwerer machen. Statt also offen zu äußern, dass sie Schwangerschaftsabbrüche verunmöglichen wollen, äußern sie sich in Programmen und Aussagen schwammig. Das bedeutet jedoch nicht, dass die AfD – sollte sie die Macht haben – alles dafür tun wird, den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen zu erschweren. Das zeigt sich an Anträgen, in denen die Partei fordert, Beratungsstellen wie pro familia die Gelder zu streichen. Die Lücken die hier enstehen, werden – das zeigt bspw. die Entwicklung in den USA – dann von „Pregnancy Crisis Centern“ gefüllt, in denen überzeugte AbtreibungsgegnerInnen arbeiten und ungewollt bzw. ungeplant Schwangere dazu bringen, die Schwangerschaft auszutragen. Die antifeministische Politik in diesem Bereich folgt einem internationalen Playbook. Die internationale extreme Rechte inspiriert sich gegenseitig – aktuell sind es u.a. Ungarn und die USA, wo antifeministische AkteurInnen Inspiration sammeln. 

Was wir stattdessen wollen

Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der alle Menschen informiert und selbstbestimmt über ihre Körper – und damit über ihr Leben – entscheiden können. Diese Selbstbestimmung ist nicht verhandelbar! Sie bedeutet, dass Menschen Entscheidungen treffen dürfen, ohne Zwang, ohne moralischen Druck und ohne staatliche Kontrolle.

Die Beratung von (ungewollt und ungeplant) Schwangeren kann eine unterstützende Ressource sein – aber nur, wenn sie freiwillig ist. Eine verpflichtende Beratung stellt das Entscheidungsvermögen schwangerer Personen grundsätzlich infrage und reproduziert die Vorstellung, sie müssten angeleitet oder korrigiert werden. Wir treten für freiwillige, unabhängige und ergebnisoffene Beratungsangebote ein, die informieren und stärken, statt zu bevormunden. Noch weiter gedacht heißt das: Schwangerschaftsabbrüche müssen vollständig entkriminalisiert und entstigmatisiert werden. Entscheidungen über Schwangerschaften gehören in die Hände der Betroffenen – nicht ins Strafrecht.

Unsere Utopie ist eine Gesellschaft, die reproduktive Rechte nicht misstrauisch überwacht, sondern aktiv schützt. Eine Gesellschaft, in der Versorgung, Information und soziale Absicherung so organisiert sind, dass Selbstbestimmung real möglich ist – unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Aufenthaltsstatus.

Wir widersprechen entschieden der rechten Gegenüberstellung von „Willkommenskultur für Ungeborene“ und Ablehnung gegenüber migrantischem Leben. Eine solche Logik ist zutiefst rassistisch und instrumentalisierend: Sie behauptet Schutz für Leben, während sie  gleichzeitig Menschen ausgrenzt, entrechtet und entwürdigt. 

Deshalb bedeutet eine solidarische Willkommenskultur für uns, dass alle Kinder willkommen sind, wenn sie geboren werden. Unabhängig von ihrer Herkunft, von Behinderungen oder chronischen Erkrankungen, vom Aufenthaltsstatus oder von den Lebensumständen ihrer Familien. Willkommen heißen darf nicht selektiv sein und nicht ideologisch missbraucht werden – es braucht materielle, soziale und politische Bedingungen, die Kindern und ihren Bezugspersonen ein gutes Leben ermöglichen.

Unsere Vision ist eine Gesellschaft, die Leben nicht gegeneinander ausspielt, sondern schützt und unterstützt. 

SPRACHVERBOTE STATT GLEICHSTELLUNG

Leitantrag (S. 5): „Amtliche Rechtschreibung durchsetzen (…) Genderschreibweisen und unnötige Mischungen von deutscher und englischer Sprache im öffentlichen Bereich unterbinden wir nach aller Möglichkeit (….) auch sogenannte ‚genderneutrale‘ Formulierungen, wie z.B. ‚Mitarbeitende‘, ‚Spazierengehende‘, ‚Autofahrende‘ usw. im amtlichen Schriftverkehr nicht mehr verwendet werden.“ 

Kernforderungen München: „Nein zum ‚Gendern‘ in der Kommunikation der Stadt.“ 

Wahlprogramm: „Den Gebrauch sogenannter geschlechtergerechter Sprache („Gendern“) in der öffentlichen und dienstlichen Kommunikation der Stadt München beenden.“

Einordnung

Die AfD macht mit beim Kulturkampf gegen das Gendern – ein Thema, das ablenkt von echter Gleichstellung. Die Partei nutzt das Thema gezielt, um Gleichstellungspolitik und feministische Errungenschaften zu delegitimieren. Statt über Gewalt gegen Frauen und INTA-Personen,faire Bezahlung oder Repräsentation zu sprechen, wird darüber gestritten, ob man „Mitarbeitende“ sagen darf. Hinter dem vermeintlichen Einsatz für „klare Sprache“ steht der Versuch, sichtbare Repräsentation von Frauen, nichtbinären und trans Personen zurückzudrängen.  

Bemerkenswert: Sonst wettert die AfD lautstark gegen angebliche Sprachverbote – hier will sie selbst eines einführen. Es geht ihr also nicht um Sprache, sondern um Macht und Sichtbarkeit. Es geht nicht um Meinungsfreiheit oder Verständlichkeit, sondern darum, gesellschaftlichen Fortschritt rückgängig zu machen.     

Was das konkret bedeutet

Sprache prägt Wahrnehmung – das ist wissenschaftlich breit belegt. Wer sprachlich nur Männer benennt, macht alle anderen Geschlechter unsichtbar und reproduziert Machtverhältnisse. Die AfD stellt sich bewusst gegen diese Entwicklungen und findet dabei politische Verbündete: In mehreren Bundesländern – etwa Bayern, Hessen und Sachsen – haben CDU- und CSU-geführte Regierungen bereits Verbote geschlechtergerechter Sprache im öffentlichen Dienst erlassen. Diese Eingriffe beschneiden nicht nur die individuelle Ausdrucksfreiheit, sondern greifen auch in die Meinungs-, Wissenschafts- und Berufsfreiheit ein.

Kulturkampf funktioniert nach einem klaren Muster: Er endet nie. Wer ihn führt, braucht ständig neue Konflikte, um Empörung zu mobilisieren und Kontrolle auszuweiten. Genau so agiert die AfD. Nachdem die CSU im April 2025 in Bayern ein „Genderverbot“ eingeführt hatte, fragte die AfD in einer Landtagsanfrage sofort nach, wie das Verbot konkret „kontrolliert und durchgesetzt“ werde (8). In letzter Konsequenz können Genderverbote dazu führen, dass Beamt*innen oder allgemein im Staatsdienst beschäftigte Personen disziplinarisch belangt, sanktioniert oder sogar entlassen werden, wenn sie geschlechtergerechte Sprache verwenden. Was zunächst wie ein scheinbar harmloses Sprachverbot erscheint, wird damit zu einem Mittel staatlicher Kontrolle und Einschüchterung – und richtet sich gegen diejenigen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen.

Was wir stattdessen wollen

Wir haben eigentlich gar keine Lust, uns mit dem Thema Gendern auseinanderzusetzen, da die Debatte von den dahinterliegenden Problemen ablenkt: der Sichtbarkeit und Akzeptanz von Geschlechtsidentitäten, abseits vom binären System Mann/Frau. Politiker*innen sollten sich unserer Meinung nach auch eher mit tatsächlichen Herausforderungen wie der grassierenden Gewalt durch Männer – vor allem der gegen Frauen aber auch gegen queere Personen -auseinandersetzen. Aber wir wissen auch: Sprache schafft Wirklichkeit und darum ist es wichtig, die Agitation gegen das Gendern zu benennen und zu verurteilen. Davon abgesehen, finden wir es schräg, dass irgendwer uns vorgibt, wie wir zu sprechen haben. In einer idealen Welt würden wir eh so sprechen, dass alle mitgedacht und -genannt werden.

NATIONALISMUS STATT VIELFALT

Leitantrag S. 6: „1.15 Beflaggung öffentlicher Gebäude; „ideologische(n) Fahnen wie z.B. Regenbogenfahnen und eine dauerhafte Beflaggung mit Fahnen anderer Nationen lehnen wir dagegen ab.“ 

Kernforderungen München:

  • „Nein zur ideologischen Umbenennung von Straßennamen.“ 
  • „Nein zu ideologischen Aushängen und Bannern an städtischen Einrichtungen und Fahrzeugen.“ 

Wahlprogramm: „Politisch-weltanschauliche Aushänge oder Banner in öffentlichen Fahrzeugen, Eigen- und Regiebetrieben der Stadt sowie in städtischen Einrichtungen, insbesondere auf Friedhöfen, verbieten.“

Einordung

Diese Forderung ist kein reiner Verwaltungsakt, sondern richtet sich gegen alle Zeichen von Vielfalt, Solidarität und Gleichberechtigung. Die Regenbogenflagge, häufiges Angriffziel der AfD, steht international für die Rechte von queeren Menschen – also für Menschen, die auch innerhalb feministischer Kämpfe seit Jahrzehnten für Anerkennung und Schutz kämpfen. Aber die AfD wendet sich auch gegen die Beleuchtung des Rathauses zum „Safe Abortion Day“ oder etwa gegen die Beleuchtung des Münchner Alten Rathauses anlässlich des islamischen Fastenmonats Ramadan (analog zu Beleuchtungen zu Weihnachten und Channuka). Indem die AfD solche Symbole als „ideologisch“ framet, versucht sie, Gleichberechtigung als politische Provokation und Strategie darzustellen, statt als demokratischen Grundwert.

Das Ziel ist Unsichtbarmachung: Minderheiten sollen im öffentlichen Raum nicht mehr sichtbar sein. Dabei ist gerade Sichtbarkeit entscheidend für Schutz, Akzeptanz und Zugehörigkeit – auch für lesbische, bisexuelle, trans und inter Personen. Diese Politik signalisiert: „Ihr gehört nicht dazu.“ oder „Ihr seid uns egal.“ Damit grenzt sie Gruppen aus, die ohnehin Diskriminierung erfahren. 

Was das konkret bedeutet

Im Mai 2025 beklagt die AfD Landtagsfraktion in Bayern große Verwirrung angesichts der „zahllosen verschiedenen Versionen der Regenbogenfahne“ (9), die an öffentlichen Gebäuden gehisst werden. Um diese zu verringern, fordert die Partei in ihrem Gesetzesentwurf, „dass an öffentlichen Gebäuden und sonstigen staatlichen Einrichtungen außerhalb von Staatsbesuchen ausschließlich die Bundesflagge“ oder „die bayerische Staatsflagge“ gehisst werden darf (9). 

Statt Regenbogen will die AfD also Schwarz-Rot-Gold und Nationalismus. Dieser steht feministischen Idealen von Gleichstellung, Selbstbestimmung und Solidarität diametral entgegen.  Denn Nationalismus funktioniert über Ordnung, Abgrenzung und Hierarchien. Er stützt sich auf binäre, patriarchale Geschlechterrollen und reißt die Kontrolle über gebärfähige Körper an sich. Schließlich muss man die eigene Nation mit den „richtigen“ Kindern stabilisieren.  

Was wir stattdessen wollen

Wir verweigern uns der Logik von Ausgrenzung und nationalem „Wir“. Unsere Antwort ist eine radikale Solidarität, die Grenzen, Nationen und Geschlechterordnungen überschreitet. Identitätspolitik wäre überflüssig in einer Gesellschaft, die Gleichheit nicht nur behauptet, sondern lebt. Doch solange Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Sexualität oder anderer Merkmale systematisch angegriffen, marginalisiert und in ihrer Existenz delegitimiert werden, ist Neutralität keine Option. Machtvolle Institutionen tragen die Verantwortung, diese Gewaltverhältnisse sichtbar zu machen, Minderheiten aktiv mitzudenken und ihre Perspektiven zu stärken – alles andere stabilisiert bestehende Ungleichheiten.

KÜRZEN STATT SCHÜTZEN

Leitantrag S. 9: „Schluss mit ideologischen Ausgaben 

Die kommunale Haushaltspolitik muss sich auf die realen Interessen der Bürger konzentrieren, insbesondere auf Bildung, Infrastruktur und soziale Grundversorgung. Wir lehnen die kommunale Mitfinanzierung eines ideologisch motivierten Gesellschaftsumbaus grundsätzlich ab, wie er sich im Umgang mit den Fragen von Asyl und Migration, Genderpolitik, Energiewende, Verkehrswende sowie Wärmewende zeigt.“ 

Kernforderungen München: 

  • „Ja zur Abschaffung der Gleichstellungsstelle für Frauen, der Koordinierungsstelle für gleichgeschlechliche Lebensweisen und der Koordinierungsstelle LGBTIQ*“
  • „Ja zu ideologiefreier Kulturförderung.“ 
  • „Nein zur Finanzierung linksradikaler NGOs durch städtische Mittel.“
  • „Ja zu systematischer Überprüfung sämtlicher freiwilligen Ausgaben der Stadt München auf Wirtschaftlichkeit und Nutzen.“

Wahlprogramm: 

  • „Abschaffung der Gleichstellungsstelle für Frauen, der Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen und der Koordinierungsstelle LGBTQ* im Zuge der Verwaltungsreform.“.
  • „Keine staatliche oder städtische Indoktrination in Schulen oder Kindertagesstätten, wie zum Beispiel durch Initiativen zum „Gender-Mainstreaming“, „Kampf gegen rechts“ (…).“
  • „Kultur ideologiefrei, ohne politische Indoktrination oder Klientelpflege gestalten.“
  • Städtische Organisationen oder Beteiligungen an Projekten wie Kafe Marat“, Feierwerk“ „EineWeltHaus“, „München ist bunt“, „a.i.d.a.“ und „firm“ sowie deren Förderung mit öffentlichen Geldern abschaffen.
  • Die sogenannte „Fachstelle für Demokratie“ auflösen, da sie ausschließlich nur dem Kampf gegen Rechts“ dient, statt auch Linksextremismus und Islamismus mit zu berücksichtigen.“

Einordung

Die AfD spricht hier von „realen Interessen der Bürger“ – und entscheidet zugleich selbst, wer dazugehört und wessen Interessen „real“ sind. Damit werden Frauen, queere Menschen, Migrant*innen und viele andere einfach aus dem Bild des „Bürgers“ gestrichen. Die Lebensrealität von Millionen Menschen wird einfach ignoriert. 

Wenn die AfD Gleichstellung, Geschlechterforschung oder Klimapolitik als „ideologischen Gesellschaftsumbau“ diffamiert, zeigt das ihre Haltung: Gleichberechtigung gilt ihr als überflüssig und bedrohlich. Sie versteht gesellschaftlichen Wandel – also Fortschritt hin zu mehr Gerechtigkeit – als Angriff auf eine vermeintlich natürliche Ordnung. Dass sie den Begriff „Genderpolitik“ statt „Gleichstellungspolitik“ verwendet, ist kein Zufall. „Gender“ wird hier als Feindbild benutzt, um feministische und wissenschaftlich fundierte Arbeit zu diskreditieren.

Was das konkret bedeutet 

Die AfD propagiert ein patriarchales, autoritäres Gesellschaftsmodell, in dem Teilhabe keine Selbstverständlichkeit ist. Ihre Politik wird überwiegend von Männern gemacht und richtet sich an Männer. Ungleichheit wird dabei nicht nur akzeptiert – sie wird aktiv hergestellt und stabilisiert. Konservative und extrem rechte AkteurInnen behaupten gern, sie würden die „natürliche Ordnung“ schützen. Tatsächlich fördern sie eine Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren gilt, in der Sorgearbeit unsichtbar bleibt, und in der Menschen nur so viel wert sind wie ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit. 

Seit Jahren beantragt die Münchner AfD-Stadtratsgruppe regelmäßig, Mittel für zivilgesellschaftliche und soziale Organisationen zu streichen. Betroffen waren 2023 (10) u. a. pro familia – eine zentrale Beratungsstelle für Schwangerschaft, Sexualität und Familienplanung, das „Diversity“ – ein Schutz- und Empowermentraum für queere Jugendliche, Gleichstellungsstellen und Koordinierungsstellen, die marginalisierte Gruppen unterstützen oder sichtbar machen sowie weitere demokratiestärkende und präventive Einrichtungen. Diese Streichungsversuche zeigen, dass hinter dem Begriff „Wirtschaftlichkeit“ eine politische Strategie steckt. Die AfD will Beratungs- und Schutzstrukturen für Frauen, queere Menschen und Jugendliche austrocknen.

Was wir stattdessen wollen

„Gesellschaftsumbau“ ist ein Kampfbegriff. Gesellschaft war nie statisch. Es gibt keinen ursprünglichen, natürlichen oder richtigen Zustand von Gesellschaft, zu dem man zurückkehren könnte – nur fortlaufende Aushandlungsprozesse darüber, wie wir miteinander leben wollen. Die extrem rechte Fantasie eines homogenen „Volkes“, das über eine angebliche Normalität und einen gemeinsamen Willen verfüge, richtet sich genau gegen diese Aushandlung. Sie delegitimiert Demokratie, Gleichstellungspolitiken und Vielfalt. Wo dieses Denken dominiert, setzt sich nicht Zusammenhalt durch, sondern Macht – und am Ende das Recht des Stärkeren.

Dass wir uns heute dabei wiederfinden, die Grundlagen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu verteidigen, erstaunt ehrlich gesagt auch uns. Wir müssen erklären, warum Rechtsstaatlichkeit wichtig ist, warum Menschenwürde nicht relativierbar ist und warum Demokratie trotz all ihrer Widersprüche keine Zumutung, sondern eine Errungenschaft ist. Diese Verteidigung ist notwendig – aber sie ist nicht unser Ziel. Denn wir wollen mehr als den Status quo bewahren. Wir wollen eine Gesellschaft, in der niemand Angst haben muss, falsch zu sein, zu arm, zu queer, zu migrantisch, zu unbequem. Eine Gesellschaft, in der Teilhabe nicht erkämpft werden muss, sondern selbstverständlich ist.

Wir glauben an eine Gesellschaft, die sich nicht am Recht des Stärkeren orientiert, sondern an Solidarität. Demokratische Aushandlungsprozesse und Gleichstellungspolitiken sind dafür keine bürokratischen Hindernisse, sondern zentrale Werkzeuge. Ja, sie sind langsam und konflikthaft – aber sie eröffnen Räume, in denen viele Stimmen gehört werden können, statt wenige Machtpositionen zu zementieren. Eine solche Gesellschaft ist ohne Kapitalismuskritik nicht denkbar. Solange Konkurrenz, Verwertung und Ungleichheit strukturell organisiert sind, bleibt Gleichheit ein leeres Versprechen. Unsere Utopie ist eine Demokratie, die mehr ist als formale Mitbestimmung: eine Demokratie, die materielle Sicherheit, soziale Gerechtigkeit und reale Teilhabe für alle ermöglicht. Demokratie heißt für uns: Teilhabe für alle und Angst für niemanden. Sie lebt von Bewegung, nicht von Stillstand. Völkische Ideologien wollen Gesellschaft einfrieren und Vergangenheit konservieren. Wir setzen dem eine Vorstellung von Gesellschaft entgegen, die sich verändert, weil sie lebendig ist. Veränderung ist keine Gefahr – sie ist stabilisierend. Wie ein Bus nur dann sicher durch die Kurve kommt, wenn er in Bewegung bleibt, gewinnt auch Gesellschaft ihre Stabilität aus Dynamik. Statt nostalgisch zurückzublicken, brauchen wir Mut und Neugier auf das, was noch nicht ist.

Unsere Frage lautet nicht, wie wir eine vermeintliche Ordnung bewahren, sondern wie möglichst viele Menschen diese Gesellschaft mitgestalten können. Wir träumen von radikaler solidarischer Teilhabe: durch inklusive Sprache, durch gleiche Rechte unabhängig von Pass oder Herkunft, durch Wahlrecht für alle, die hier leben, durch den Abbau struktureller Ausschlüsse. Diese Utopie verlangt ein Umdenken – und eine tiefgreifende systemische Veränderung. Aber sie ist kein unrealistischer Traum. Sie beginnt dort, wo wir uns weigern, Angst zur politischen Leitkategorie zu machen, und stattdessen Solidarität, Gerechtigkeit und kollektive Verantwortung ins Zentrum stellen.

FAMILIE NORMIEREN

Leitantrag S. 33: „Familienfreundliche Kommunen. „Die Familie als Einheit aus Vater, Mutter und Kindern ist die Keimzelle unserer Gesellschaft. Daher verdient sie eine besondere Wertschätzung und Förderung auch auf kommunaler Ebene. Sowohl Kinder als auch hilfebedürftige Senioren und Pflegebedürftige sollten, wenn möglich, durch familiäre und nachbarschaftliche Netzwerke betreut werden. Wir fördern wo immer  möglich, Selbstorganisation mit Unterstützung durch professionelle Angebote der Kommunen und sozialer Träger sowie durch Vereine und kulturelle Einrichtungen.“

Einordung

Die AfD definiert Familie ausschließlich als „Vater, Mutter, Kind(er)“ – und schließt damit bewusst alle anderen Familienformen aus. Alleinerziehende, Patchwork-Familien, Regenbogenfamilien, Wahlfamilien oder Mehrgenerationenkonstellationen kommen im Weltbild der AfD schlicht nicht vor. Diese Engführung ist kein Versehen, sondern Ausdruck einer familistischen Ideologie, die nur ein einziges, heteronormatives Lebensmodell als gesellschaftlich wertvoll anerkennt.

Diese Ideologie hat konkrete politische Folgen: Förderpolitik, steuerliche Anreize und reproduktive Rechte werden entlang dieses engen Modells gestaltet. Adoption, Elternschaft oder die Nutzung reproduktiver Technologien (so kritisch diese in Teilen zu betrachten sind) bleiben privilegierten heterosexuellen Paaren vorbehalten, während alle anderen Familienformen strukturell benachteiligt oder unsichtbar gemacht werden. Unterlegt wird das durch eine Rückgriff auf angeblich „natürliche“ Rollenverteilungen: Frauen werden als zuständig für Kinder, Pflege und Fürsorge dargestellt, oftmals gestützt durch pseudobiologische Argumente oder steinzeitromantisierende Erklärmuster, die längst widerlegt sind. 

Die Formulierung, Betreuung und Pflege sollten „wenn möglich“ familiär erfolgen, klingt auf den ersten Blick pragmatisch. Tatsächlich verschiebt sie gesellschaftliche Verantwortung wieder ins Private – und damit meist auf Frauen. Anstatt öffentliche Infrastruktur auszubauen und gerechte Bedingungen zu schaffen, wird die Last der Care-Arbeit dorthin verlagert, wo sie traditionell ohnehin schon liegt. Das bedeutet weniger berufliche Chancen, weniger ökonomische Unabhängigkeit und mehr Abhängigkeit vom Partner. Es ist ein zentrales Muster der AfD: Sie romantisiert traditionelle Rollenbilder und privatisiert Aufgaben, die eigentlich in staatlicher Verantwortung liegen. Unterstützt wird dieses Bild über rechte Netzwerke – von der sogenannten Identitären Bewegung bis zu antifeministischen InfluencerInnen, die Mutterschaft idealisieren und weibliche Autonomie diskreditieren.

Auch die ideologische Aufladung dieser Passage ist deutlich. Die Vorstellung von der „Familie als Keimzelle der Gesellschaft“ steht in einer völkisch-nationalistischen Tradition, in der Reproduktion – vor allem die Geburt „deutscher Kinder“ – als Beitrag zur Nation verstanden wird. Menschen ohne Kinder, queere Eltern oder alternative Familienmodelle gelten in diesem Weltbild schnell als weniger wert oder gar als Bedrohung für die „natürliche Ordnung“.

Was das konkret bedeutet

Familismus ist keine neutrale Familienpolitik, sondern ein Projekt, das Ungleichheit vertieft. Wenn Care-Arbeit in die private Sphäre zurückgedrängt wird, geraten Frauen schneller in finanzielle Abhängigkeit, weil Erwerbsarbeit erschwert oder unmöglich gemacht wird. Ökonomische Abhängigkeit führt zu Machtgefällen in Beziehungen, die politisch gewollt und keineswegs „natürlich“ sind. Gleichzeitig werden Familien, die nicht dem Muster „Vater-Mutter-Kind“ entsprechen, herabgewürdigt oder ausgeschlossen – mit der Folge, dass Ressourcen wie Elterngeld, Steuererleichterungen oder kommunale Förderungen perspektivisch nur noch heterosexuellen Paaren zugutekommen könnten.

Wenn der Staat sich aus Verantwortung zurückzieht, werden Lücken bei Kinderbetreuung, Pflege oder sozialer Unterstützung nicht kleiner, sondern größer. Sie werden nur privat aufgefangen – und wieder überwiegend von Frauen. Familismus stärkt also nicht Familien, sondern ein autoritäres, antifeministisches Gesellschaftsbild, das Kontrolle ausübt, Vielfalt verdrängt und gerechte Teilhabe verhindert.

Was wir stattdessen wollen

Unsere Utopie ist eine Gesellschaft, in der Frauen und queere Menschen tatsächlich frei wählen können. Eine Gesellschaft, in der jede Entscheidung – für Familie oder gegen sie, für Kinder oder gegen sie, für Ehe oder gegen sie – gleichermaßen legitim ist und strukturell unterstützt wird. Freiheit bedeutet nicht, zwischen schlechten Optionen zu wählen, sondern unter Bedingungen entscheiden zu können, die Sicherheit, Zeit und materielle Unabhängigkeit gewährleisten.

Wir wollen eine Gesellschaft, die vielfältige Lebens- und Beziehungsformen anerkennt: Wahlverwandtschaften, queere Netzwerke, Sorgegemeinschaften, kollektive Wohnformen. Diese sozialen Zusammenhänge sind real, tragend und oft überlebenswichtig – und sie verdienen denselben Respekt und dieselbe Berücksichtigung wie die klassische Kleinfamilie. Das heißt auch: Arbeit, Wohnen und soziale Absicherung müssen so organisiert sein, dass sie dieser Vielfalt gerecht werden. Arbeitgeber*innen dürfen Fürsorge nicht nur dort anerkennen, wo sie in ein traditionelles Familienbild passt. Sorgearbeit ist mehr als Elternschaft – sie findet in Freund*innenschaften, Nachbarschaften und solidarischen Beziehungen statt.

Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der Nähe, Verantwortung und Solidarität nicht an Trauschein, Blutsverwandtschaft oder Geschlechternormen gebunden sind. Eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Beziehungen selbst definieren können – und in der politische und ökonomische Strukturen diese Entscheidungen nicht bestrafen, sondern ermöglichen.

IDEOLOGIE STATT FREIER ENTFALTUNG

Leitantrag S. 35: „Kommunale Jugendarbeit soll es Jugendlichen ermöglichen, ihren Interessen nachzugehen, ihre Aktivitäten selbst zu organisieren, gemeinschaftlich zu gestalten und mitverantworten. Dies muss im Geist unserer freiheitlichen Demokratie ohne ideologische Beeinflussung erfolgen. Auch die Kenntnis und Akzeptanz des Grundgesetzes und der christlich-abendländischen Kultur ist eine wesentliche Voraussetzung für ein gedeihliches Miteinander von Jugendlichen jeglicher Herkunft. Das Wirken ideologisch einseitiger und häufig zugleich personell aufgeblähter Stadt- und Kreisjugendringe hinterfragen wir energisch. 

Kernforderungen München:

  • „Ja zum Erhalt der christlich-abendländischen Kultur in Kitas, Kindergärten und Schulen.“
  • „Nein zu Indoktrination in Schulen und Kindergärten“

Wahlprogramm: „Erhalt der christlich-abendländischen Kultur in Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen durch Pflege von Festen, Brauchtum und deutscher Sprache im Rahmen des Grundgesetzes.“

Einordung

Diese Passage klingt zunächst, als wolle die AfD einfach unabhängige Jugendarbeit fördern. Tatsächlich steckt dahinter das Ziel, progressive, inklusive Jugendarbeit zu schwächen und durch konservative Werteerziehung zu ersetzen. Die Formulierung „ohne ideologische Beeinflussung“ ist ein typisches rhetorisches Mittel: Sie klingt neutral, meint aber konkret, dass feministische, queere, antirassistische und demokratiepädagogische Angebote als „ideologisch“ abgewertet werden sollen. Wenn gleichzeitig von „christlich-abendländischer Kultur“ als Voraussetzung die Rede ist, wird deutlich: Es geht eben nicht um Neutralität, sondern um eine klare ideologische Festlegung – auf ein traditionelles, kulturell homogenes, patriarchales Werteverständnis.

Die Kritik an „personell aufgeblähten“ Stadt- und Kreisjugendringen ist ebenfalls ein Angriff auf selbstverwaltete Strukturen der Jugendarbeit, in denen junge Menschen eigene Themen setzen – etwa zu Gleichstellung, Diversität oder queerer Sichtbarkeit. Diese Freiräume sind der AfD ein Dorn im Auge, weil sie dort keinen Einfluss hat.

Ein feministischer Blick zeigt hier zweierlei:

  1. Die AfD versucht, junge Menschen früh in ein reaktionäres Wertebild einzubinden – besonders Jungen, die sich aktuell in Krisen um Männlichkeit und Orientierung befinden. Studien zeigen, dass Teile junger Männer empfänglicher für rechte und antifeministische Narrative werden, während Mädchen und junge Frauen zunehmend gleichstellungsorientiert und liberal eingestellt sind. Genau diese Entwicklung will die AfD umkehren.
  1. Durch den Bezug auf „christlich-abendländische Kultur“ wird patriarchale Geschlechterordnung als „Kulturwert“ stabilisiert: Frauen als Hüterinnen der Familie, Männer als Beschützer – ein Narrativ, das sich durch viele AfD-Positionen zieht.

Was das konkret bedeutet

Die AfD hat wiederholt gefordert, die Meldestellen für rechte, rassistische oder queerfeindliche Vorfälle an Schulen zu schließen. Damit würden diese Übergriffe unsichtbar – Betroffene blieben allein, Erfahrungen würden nicht dokumentiert, und Schutzmechanismen würden geschwächt.

Ihre Kampagnen gegen Drag-Lesungen in  Münchner Stadtbibliotheken zeigen ebenfalls, wohin die Reise geht: Angebote, die Vielfalt sichtbar machen, sollen verschwinden. Kindern und Jugendlichen werden damit wichtige Räume genommen, in denen queere Lebensweisen selbstverständlich und positiv vorkommen. Für queere junge Menschen bedeutet das Isolation statt Sichtbarkeit und Anerkennung.

Auch im Bildungsbereich würde eine solche Politik fatale Folgen haben. Wenn queere Themen aus Schul- und Jugendarbeit gedrängt werden, fehlt Jugendlichen nicht nur Orientierung, sondern auch lebenswichtige Unterstützung. Studien zeigen seit Jahren, dass fehlende Akzeptanz, mangelnde Sichtbarkeit und das Wegfallen von unterstützenden Strukturen mit erhöhten psychischen Belastungen und höheren Suizidraten unter queeren Jugendlichen einhergehen. Schutz von Kindern sieht anders aus.

Was wir stattdessen wollen 

Wir wünschen uns Jugendzentren, die Orte der Demokratiebildung, der Partizipation, der Selbstermöchtigung und des Schutzes junger Menschen sind. Wir wünschen uns Jugendarbeit, die sich für Kinder- und Jugendrechte, Demokratie und Vielfalt einsetzt, offen ist für Diskussion und Austausch unter Kindern und Jugendlichen im geschützten Raum, aber nicht neutral gegenüber ihren Gegner*innen. Wir wünschen uns Erwachsene, die Kinder unterstützen, wenn diese mit diskriminierenden und menschenfeindlichen Aussagen konfrontiert sind und die sich an die Seite derjenigen Stellen, die häufig am stärksten betroffen sind von Hass und Hetze anderer Erwachsener.

FEINDBILDER STATT KINDERSCHUTZ

Wahlprogramm: „Finanzielle Zuschüsse für Programme zur sexuellen Findung, Umorientierung und Indoktrination beenden.“

Einordnung 

Diese Forderung ist bewusst unscharf und emotional aufgeladen formuliert. Begriffe wie „sexuelle Findung“, „Umorientierung“ und „Indoktrination“ stammen nicht aus Pädagogik oder Wissenschaft, sondern aus rechten Kampagnen gegen sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung. Die AfD greift hier das bekannte Narrativ der angeblichen „Frühsexualisierung“ auf – ein Kampfbegriff, der Ängste schürt und fachliche Arbeit delegitimiert.

Aus feministischer Perspektive wird deutlich, worum es tatsächlich geht: Die AfD will Programme und Angebote streichen, die Kindern sexuelle Selbstbestimmung vermitteln. Genau diese Angebote sind jedoch essenziell für Prävention. Kinder lernen dort, ihren eigenen Körper wahrzunehmen, Grenzen zu setzen, zwischen erwünschten und unerwünschten Berührungen zu unterscheiden und sich Hilfe zu holen. Wer solche Programme angreift, verkehrt vermeintlichen „Kinderschutz“ ins Gegenteil.

Besonders problematisch ist die gezielte Vermischung von sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung. Die AfD stellt Angebote zu Vielfalt, Identität oder queeren Lebensweisen so dar, als seien sie sexualisierend. Das ist fachlich falsch und politisch gewollt. Geschlechtliche Selbstbestimmung wird bewusst mit Sexualität gleichgesetzt, um Angst zu erzeugen und queere Sichtbarkeit zu dämonisieren – etwa bei Drag-Lesungen oder diversitätssensibler Bildungsarbeit.

Zugleich bedient diese Forderung verschwörungsideologische Erzählungen über angebliche „Umerziehung“ oder „Indoktrination von oben“. Pädagog*innen, Drag Künstler*innen, Fachstellen und zivilgesellschaftliche Träger werden zu Feindbildern erklärt, ihre Expertise oder Kunstform diskreditiert. Statt Vertrauen in Fachlichkeit zu stärken, wird Misstrauen gesät – zugunsten eines autoritären, normierenden Gesellschaftsbildes.

Was das konkret bedeutet

In der Praxis würde diese Politik dazu führen, dass Kindern ausschließlich die heterosexuelle Norm vorgelebt wird. Alles, was davon abweicht, würde unsichtbar gemacht oder problematisiert. Für queere Kinder bedeutet das: Sie finden keine Sprache für sich, keine Vorbilder und keine Unterstützung – und erleben früh, dass sie „nicht gemeint“ oder gewollt sind. Das macht ihr Aufwachsen unnötig schwer und verstärkt Ausgrenzung und psychische Belastungen.

Gleichzeitig würden ausgebildete Pädagog*innen daran gehindert, altersgerecht zu vermitteln, was sexualisierte Gewalt ist und wie Kinder sich schützen können. Angesichts steigender Zahlen von sexualisierter Gewalt an Kindern ist das besonders dramatisch. Wenn Kinder nicht lernen dürfen, Übergriffe zu benennen oder Hilfe zu suchen, profitieren nicht die Kinder – sondern Täter*innen.

Die Folge ist ein Klima des Schweigens, der Tabuisierung und der Unsichtbarkeit. Schutzräume verschwinden, Fachstellen werden ausgehungert, Präventionsarbeit wird diskreditiert. Das Risiko für Kinder steigt – während die AfD behauptet, sie zu schützen. 

Was wir stattdessen wollen 

Wir wollen eine Gesellschaft, in der Kinder ernst genommen, geschützt und gestärkt werden. Dazu gehören gut ausgestattete, fachlich fundierte und altersgerechte Bildungsangebote, die Selbstbestimmung fördern und Gewalt vorbeugen.

Unsere Utopie ist eine Gesellschaft, in der die Kategorie Geschlecht keine einengende Zuschreibung mehr ist, sondern an Bedeutung verliert – in der Kinder frei aufwachsen können, ohne früh in starre Rollen gepresst zu werden. Eine Gesellschaft, in der Vielfalt nicht erklärt oder gerechtfertigt werden muss, sondern selbstverständlich ist.

RASSISMUS STATT GEWALTPRÄVENTION

Kernforderungen:

  • „Nein zu ‚No-Go-Areas‘ und Parallelgesellschaften.“ 
  • „Ja zu Schwimmbadverboten bei Übergriffen.“ 

Wahlprogramm: 

  • „‚No-Go-Areas‘ dürfen in München nicht tolertiert werden.
  • „Ein nächtlicher Heimweg ohne Angst, ein Ausflug aufs Volksfest ohne Nervosität und Beklemmung: Was für viele Frauen heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist, muss wieder zur Normalität werden.“  

Einordung

Die Forderungen nach Schwimmbadverboten und einem Ende von „No-Go-Areas“ sind bewusst unscharf formuliert und bedienen rassistische Bedrohungserzählungen. Es handelt sich nicht um sachlichen Beschreibungen, sondern politisch aufgeladene Schlagworte. Sie dienen dazu, bestimmte Stadtteile und Bevölkerungsgruppen – vor allem Menschen mit Migrationsgeschichte – pauschal als gefährlich zu markieren.

Besonders problematisch ist die Verknüpfung mit der Forderung nach Schwimmbadverboten bei „Übergriffen“. Hier greift die AfD auf ein bekanntes Muster zurück: Sexualisierte Gewalt wird instrumentalisiert, um rassistische Hetze zu legitimieren. Migrantische Männer werden pauschal als Gefahr dargestellt, während weiße, deutsche Frauen als schützenswerte Opfer inszeniert werden. Aus feministischer Perspektive ist das doppelt fatal:

  • Erstens wird sexualisierte Gewalt ethnisiert, obwohl sie ein gesamtgesellschaftliches Problem ist – Gewalt gegen Frauen und INTA-Personen findet in allen sozialen Gruppen, Milieus und Herkunftskontexten statt.
  • Zweitens werden Frauen hier nicht als selbstbestimmte Subjekte gesehen, sondern als Projektionsfläche für rassistische Politik. Ihr angeblicher „Schutz“ dient nicht ihrer Sicherheit, sondern der Legitimierung von Ausgrenzung und Repression.

Die AfD zeigt damit: Es geht ihr nicht um den Schutz von Frauen, sondern um das Schüren von Angst und Hass. Maßnahmen, die wirklich helfen würden – Prävention, Aufklärung, gut ausgestattete Beratungsstellen, konsequente Strafverfolgung unabhängig von Herkunft, sichere öffentliche Räume für alle – spielen in ihrem Programm keine Rolle.

Was das konkret bedeutet

Die Umsetzung solcher Forderungen führt in der Praxis zu erhöhter Polizeipräsenz in bestimmten Vierteln, zu mehr Kontrollen und zur Kriminalisierung jener Menschen, die durch die AfD-Erzählungen bereits als „gefährlich“ stigmatisiert werden. Öffentliche Räume werden so für migrantische Communities unsicherer, nicht sicherer.

Gleichzeitig bleibt das eigentliche Problem unangetastet: Sexismus und Antifeminismus als Ursachen sexualisierter Gewalt. Statt patriarchale Strukturen zu verändern, wird die Verantwortung externalisiert und auf bestimmte Gruppen projiziert. Dies verhindert wirksame Gewaltprävention – und gefährdet letztlich genau jene Menschen, für deren Sicherheit die AfD vorgeblich eintritt.

Was wir stattdessen wollen

Wir wollen eine Gesellschaft, die Verantwortung übernimmt, ohne auszugrenzen. Eine Gesellschaft, in der Gewalt ernst genommen und bekämpft wird – ohne ganze Gruppen unter Generalverdacht zu stellen. Sicherheit entsteht nicht durch Stigmatisierung, sondern durch Solidarität, Prävention und Gerechtigkeit.

Unsere Utopie ist eine antirassistische und antisexistische Gesellschaft, in der Migration und weltweite Freizügigkeit selbstverständlich sind. Eine Gesellschaft, die nicht nach Sündenböcken sucht, sondern Machtverhältnisse verändert. In der Gewalt nicht ethnisiert wird, sondern als das benannt wird, was sie ist: ein strukturelles Problem, das wir gemeinsam angehen. Wir träumen von einer Gesellschaft, in der Betroffenen sexualisierter Gewalt zugehört wird. In der ihre Erfahrungen nicht instrumentalisiert, relativiert oder für rassistische Hetze missbraucht werden. Eine Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt enttabuisiert ist – nicht als Skandal, sondern als Realität, der wir uns kollektiv stellen.

Echte Aufklärung bedeutet für uns, hinzusehen, wo Gewalt tatsächlich passiert: im Alltag, in Beziehungen, in Familien, in Institutionen. Und dort konsequent zu handeln – mit Schutz, Prävention und Verantwortung für Täter statt mit Schweigen oder Schuldumkehr. Wir wollen eine Gesellschaft, die Gewalt nicht verwaltet, sondern ihr vorbeugt. Antisexistische Bildung ist dafür zentral. Patriarchale Gewalt ist erlernt – und kann verlernt werden. Deshalb sagen wir klar: Educate your boys. Für neue Formen von Männlichkeit, die nicht auf Dominanz, sondern auf Verantwortung und Fürsorge beruhen. Unsere Utopie ist eine Gesellschaft, die sich selbst schützt, indem sie gerechter wird. In der patriarchale Strukturen überwunden werden dürfen – gerne radikal. (Männer abschaffen 😉 oder zumindest das Patriarchat.) Und in der eine wehrhafte Demokratie den Mut hat, sich gegen ihre Feinde zu verteidigen – auch institutionell.

Warum die AfD aus feministischer Sicht unwählbar ist 

Was in den Positionen der AfD auf den ersten Blick harmlos klingt – Sprache, Familie, Jugendarbeit, Kultur – folgt einem klaren Muster: einem reaktionären Weltbild, das Gleichstellung, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Vielfalt systematisch zurückdrängen will. Unter Schlagworten wie „Neutralität“, „Natur“ oder „Tradition“ führt die AfD einen Kulturkampf gegen feministische Errungenschaften und demokratische Offenheit.

Die Kontrolle über Sprache, Körper und Rollenbilder ist dabei zentral. Geschlechtergerechte Sprache, feministische Forschung und Gleichstellungspolitik werden als „Ideologie“ diffamiert, um Veränderung zu delegitimieren. Dahinter steht der Wunsch nach einer Gesellschaft, in der Frauen wieder unsichtbar werden, Care-Arbeit ins Private gedrängt wird und geschlechtliche Vielfalt keinen Platz mehr hat. Auch reproduktive Rechte geraten ins Visier: Der vermeintliche „Schutz des ungeborenen Lebens“ dient als Vorwand, um Kontrolle über gebärfähige Körper auszuüben. Gleichzeitig propagiert die AfD ein enges, normatives Familienbild. Die idealisierte „klassische Familie“ aus Vater, Mutter und Kind wird zur gesellschaftlichen Pflicht erklärt, während reale Lebensformen – Alleinerziehende, Regenbogenfamilien, Wahlverwandtschaften – ausgeblendet oder abgewertet werden. Dieser Familismus ist nicht nur antifeministisch, sondern auch völkisch aufgeladen: Statt Migration zu ermöglichen, sollen lieber mehr „eigene“ Kinder geboren werden – auf dem Rücken von Frauen.

Auch Bildung, Kultur und Jugendarbeit geraten unter Druck. Was die AfD „Neutralität“ nennt, bedeutet in der Praxis weniger Demokratiebildung, weniger feministische und queere Themen, weniger Vielfalt. Jugendarbeit soll nicht empowern, sondern anpassen. Queere Sichtbarkeit wird dämonisiert, Drag und Aufklärung werden als Gefahr inszeniert – das ist gezielte Queerfeindlichkeit im Gewand des Kinderschutzes.

Dabei zeigt sich deutlich: Die beschworene „Neutralität“ ist kein demokratisches Prinzip, sondern ein Tarnwort für Menschenfeindlichkeit. Neutralität gegenüber Sexismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit ist keine Haltung – sie ist Komplizenschaft. Demokratie lebt von klaren Positionen und vom Schutz derjenigen, die marginalisiert werden.

Die AfD ist keine Partei der Freiheit. Sie stärkt keine Gleichstellung, sie bekämpft sie. Sie spricht von Tradition und meint Rückschritt. Sie spricht von Schutz und meint Kontrolle. Sie spricht von Neutralität und meint Zensur. Wer gleiche Rechte, gleiche Chancen und ein selbstbestimmtes Leben für alle will, kann diese Partei nicht wählen.

Gleichzeitig müssen wir realistisch sein: Die AfD wird in München voraussichtlich an Einfluss gewinnen und im Stadtrat mehr Macht erhalten. Doch sie wirkt nicht isoliert – die Münchner SPD, die oft rechts blinkt, und eine CSU, die in Antifeminismus der AfD kaum nachsteht, könnten sich von ihr treiben lassen. Das bedeutet: Mehr Druck auf Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft. Eine ohnehin eingeschüchterte Verwaltung könnte sich noch weiter zurückziehen. Initiativen und Organisationen, die sich für marginalisierte Gruppen einsetzen, werden im Abwehrkampf gegen Autoritarismus und Menschenfeindlichkeit gefordert – Zeit, Energie und Ressourcen, die dringend für den Aufbau einer offenen, solidarischen Stadt gebraucht würden, fließen stattdessen in Verteidigungsschlachten.

Wir dürfen uns davon nicht lähmen lassen. Gerade jetzt braucht es Haltung, Rückgrat und aktives Einmischen – in Familie, Freund*innenkreis, im Job, in der Politik. Wer eine feministische, inklusive und selbstbestimmte Gesellschaft will, muss sie verteidigen, gestalten und erkämpfen.

Quellen und Literaturhinweise

(1) fempi-Netzwerk 2022: Plädoyer für eine analytische Schärfe 

(2) Kalkstein, Fiona/Niendorf, Johanna/Höcker, Charlotte/Rodemerk, Henriette/Hoops, Erik (2025). Warum es sich lohnt, das Provinzielle im Antifeminismus und das Antifeministische in der Provinzialität zu betrachten. In: Johanna Niendorf/Fiona Kalkstein/Henriette Rodemerk/Charlotte Höcker/Erik Hoops, Antifeminismus und Provinzialität (7-18). Bielefeld: transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839476703-002

(3) Autoritarismus-Studie 2025

(4) Frauenanteil in der AfD laut Statista.

(5) Prozentsatz Frauen AfD Bundestagsfraktion. Quelle: Bundestag.

(6) Prozentsatz Frauen AfD Bayern Landtagsfraktion (eigene Berechnung).  

(7) Stimmenverteilung AfD laut Bundestagswahl.de

(8) Anfrage AfD Landtagsfraktion Bayern vom 15.04.2025

(9) Gesetzesentwurf der AfD Landtagsfraktion vom 14.05.2025

(10) AfD München, Gesetzesantrag vom 19.12.2023

Wie wir gendern

Die deutsche Sprache reproduziert leider patriarchale Strukturen und heteronormative Zweigeschlechtlichkeit. Darum gendern wir in der Regel mit dem Gendersternchen, denn wir wollen geschlechtliche Vielfalt abbilden und sichtbar machen. AntifeministInnen, (extrem) Rechte und andere Arschlöcher gendern wir mit dem Binnen-I, um sichtbar zu machen, dass das Menschen sind, die die Zweigeschlechtlichkeit verteidigen. Sollte in von uns verwendeten Zitaten jedoch anders gegendert werden, übernehmen wir die ursprüngliche Schreibweise. Ab und zu schreiben wir auch ganz bewusst von Frauen und Männern, im Wissen, dass Zweigeschlechtlichkeit zwar sozial konstruiert ist, dennoch aber konkrete Auswirkungen auf die Lebensrealität von Menschen und unsere Gesellschaft hat. Wer sich in die bestehenden Strukturen und Normen einfügt profitiert, jene, die es nicht tun, werden benachteiligt. Dieses Ungleichgewicht muss benannt und die Ideologie, welche auf biologistischen, göttlichen oder naturrechtlichen Argumentationen beruht, sichtbar gemacht werden. Auch darum schreiben wir in dieser Veröffentlichung teilweise von Frauen. Wir verwenden bewusst kein Sternchen hinter „Frau“, da für uns alle, die sich mit der Kategorie Frau identifizieren, Frauen sind.