Wir hatten gehofft, dass die Stadt München das Gedenken an Corinna Tartarotti – wie in den vergangenen zwei Jahren – dauerhaft übernimmt. Und doch richten wir es im kommenden Jahr in Absprache mit der Stadt München wieder selbst aus.
Wir tun das zuvorderst, weil wir es wichtig finden, dass das Erinnern an die Opfer und Betroffenen der „Gruppe Ludwig“ kontinuierlich und sichtbar weitergeführt wird. Unser Gedenken soll eine radikale, antifaschistische und feministische Perspektive einnehmen, die nicht nur erinnert, sondern aktiv in die Gegenwart wirkt und der Verharmlosung entgegensteht.
Dass sich die Verwaltung aus der Organisation des Gedenkens am Tatort zurückzieht, empfinden wir entsprechend auch als eine Chance, da wir institutionalisierten Formen des Gedenkens grundsätzlich kritisch gegenüberstehen. Ein bloßes jährliches Kranzniederlegen und der rückwärtsgewandte Blick reichen nicht aus. Es braucht einen klaren Fokus auf die Ermöglichungsstrukturen rechten Terrorismus und die eindeutige Benennung, dass das Erinnern an die Opfer rechter Gewalt eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung ist. Auch wenn wir es bedauern, sind wir realistisch genug zu sehen, dass die städtische Verwaltung diese Aufgabe derzeit weitgehend nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen kann.
Gleichzeitig werden wir auch in Zukunft beharrlich einfordern, dass die Stadt weiterhin für Sichtbarkeit am Tatort und im Stadtbild sorgt.
Hier ist also unser Aufruf zum Gedenken am 7. Januar 2026:
Das antifaschistische Gedenken an Corinna Tartarotti muss weitergehen. Deshalb rufen die Antisexistische Aktion München und das Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e. V. (a.i.d.a.) zur Gedenkkundgebung am 7. Januar 2026 um 18 Uhr in der Schillerstraße auf.
Am 7. Januar 1984 werfen zwei Männer je einen Kanister Benzin in den Eingangsbereich der Diskothek „Liverpool“ in der Münchner Schillerstraße und setzen das Lokal in Brand. Acht Menschen werden verletzt. Corinna Tartarotti, eine Barangestellte, erliegt drei Monate später ihren schweren Verletzungen. Sie ist damals 20 Jahre alt.
Verübt wird der Anschlag von der „Gruppe Ludwig“, die zwischen 1977 und 1984 in Norditalien und München mindestens fünfzehn Menschen ermordet und bei ihren Brandanschlägen viele weitere verletzt und traumatisiert.
Über 40 Jahre ist all dies nun her, doch das ist kein Grund, den rechten Terrorismus der „Gruppe Ludwig“ zu den Akten zu legen. Dennan den strukturellen Gegebenheiten, aus denen rechter Terrorismus entsteht, hat sich über die Jahre nicht viel verändert:
- Die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat, zum Anschlag in der Schillerstraße, im NSU-Komplex oder beim OEZ-Attentat haben gezeigt, dass wir uns bei der Aufklärung rechter Anschläge nicht auf die Sicherheitsbehörden verlassen können. Viel zu oft sind diese Behörden selbst in die Taten verstrickt, wie das beim NSU der Fall war.
- Bis heute werden viele Taten, die denen der „Gruppe Ludwig“ ähneln, entpolitisiert und nicht als politisch motivierte Gewaltverbrechen eingeordnet. Obdachlose, Sexarbeiter*innen oder Drogennutzer*innen haben bis heute keine Lobby.
- Wir können die Mord- und Anschlagsserie der „Gruppe Ludwig“ auch deshalb nicht ad acta legen, legen, weil die neofaschistische Ideologie, mit der sie ihre unglaublich gewaltvollen Morde und Anschläge begründeten, gerade wieder aufkeimt. Es ist auch die Verrohung der „bürgerlichen Mitte“, die solche Taten ermöglicht.
- Auch auf den Staat können wir uns bei der Erinnerung an die Opfer rechter Gewalt nicht verlassen. Ohne antifaschistische, feministische Initiativen wäre der Anschlag auf das „Liverpool“ in Vergessenheit geraten. Werden staatliche Stellen doch aktiv, liest man in Aktionsplänen oft von „Extremismus“ oder „politischer Gewalt“ – so wird das Problem so an vermeintliche Ränder der Gesellschaft verdrängt.
Gedenken heißt handeln!
Was es mehr denn je braucht, ist eine klare Haltung gegen die extreme Rechte und ihre konservativen Steigbügelhalter*innen. Genau das möchten wir mit unserer Kungebung ausdrücken und organisieren darum am Anfang des nächsten Jahres die Gedenkkundgebung in der Schillerstraße.
Die vielen einzelnen Taten rechter Gewalt können und wollen wir nicht isoliert betrachten. Darum gedenken wir zusammen mit Genoss*innen und Freund*innen am 42. Jahrestag des Anschlags Corinna Tartarotti und den mindestens vierzehn weiteren Todesopfern, die dem mörderischen Terror der „Gruppe Ludwig“ zum Opfer fielen. Und wir gedenken Oury Jalloh, der am 7. Januar 2005 in einer Gewahrsamszelle der Polizei Dessau ermordet und anschließend verbrannt wurde.
Wir versammeln uns um 18 Uhr vor dem ehemaligen Club „Liverpool“ in der Schillerstraße, um uns solidarisch mit den vielen Verletzten und Hinterbliebenen sowie allen Betroffenen rechter, homo- und transfeindlicher sowie misogyner Gewalt zu zeigen. Wir solidarisieren uns zudem ausdrücklich mit der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, seiner Familie und seinen Freund*innen.
Wo: Vor der Schillerstraße 11a, München
Wann: 7. Januar 2026 um 18 Uhr
Hintergrundinformationen findet Ihr auf unserer Themenseite zum Gedenken an Corinna Tartarotti.